Lesereisenabenteuer

Lesereise, Heimreise

Heute geht es nach Hause, zurück in die Roman-Manufaktur. Wobei ich natürlich auch auf Reisen am aktuellen Roman weiterschreibe; diesmal allerdings bin ich nicht recht dazu gekommen.

Momentan bin ich noch in Paris, wo es fast genauso sommerlich ist wie in Frankfurt, aber ich schätze mal, wenn ich in der Bretagne ankomme, werde ich wieder die Regenjacke auspacken müssen …

Buchmesse-Con

Heute habe ich es zum ersten Mal geschafft, der seit Jahren bestehenden Einladung auf den BuCon, den Buchmesse-Con in Dreieich, zu folgen. Zum ersten Mal deshalb, weil die Tradition, diesen Con ausgerechnet am Buchmessesamstag zu veranstalten, ihn für einen Verlagsautor wie mich so gut wie unzugänglich macht: Entweder habe ich ein neues Buch und muss deswegen auf der Messe präsent sein, oder ich habe kein neues Buch und bin deswegen gar nicht in Frankfurt. Aber diesmal ergab es sich trotzdem, und es war richtig toll. Ich hätte nur viel mehr Zeit mitbringen sollen und am besten auch einen Lastwagen, um an den Büchertischen zuzuschlagen; so muss ich mit Rücksicht auf das Fassungsvermögen meines Koffers Verzicht üben. Bei meiner Lesung ist der Saal gefüllt bis auf den letzten Stehplatz, und hinterher höre ich mindestens 30x den Satz: "Ich hätte mir so gern dein Buch gekauft und signieren lassen, aber das gibt's hier ja gar nicht!" Es sei, erfahre ich, schon um die Mittagszeit ausverkauft gewesen. Jemand fährt eigens nach Neu-Isenburg hinüber und kehrt mit zwei dort ergatterten Exemplaren zurück, die ich selbstredend besonders schwungvoll signiere.

Buchmesse, Tag 3

Heute rede ich hauptsächlich mit Bloggern, mal einzeln, mal in Gruppen. Unter anderem gibt es ein Wiedersehen mit dem jungen Schweizer Josia Jourdan, der mich vor zwei Jahren zum ersten Mal interviewt hat, damals kaum 14 Jahre jung und noch recht nervös. Inzwischen ist er älter und macht das richtig professionell; man merkt, dass das "sein Ding" ist.

Zwischendurch verbreitet sich die Nachricht, dass auf der Schnellstrecke Köln–Frankfurt ein ICE ausgebrannt ist, ein ungewöhnlicher Unfall, der offenbar wie eine Schockwelle das gesamte Bahnsystem in Mitleidenschaft zieht und den Autoverkehr obendrein: Alle, die nach Norden müssen, kommen nicht weg von der Buchmesse, und die, die aus Norden kommen, kommen nicht an oder mit Verspätung, z.B. ein Filmproduzent, der eigens für ein Gespräch mit mir und dem für Film zuständigen Verlagsmensch anreist. So wird es spät, ehe mein letzter Messetag zu Ende geht.

Buchmesse, Tag 2

Nachdem es gestern Abend ziemlich spät geworden ist, ist es doppelt hart, dass der Wecker so früh Krach macht. Unter Aufbietung aller Willenskraft gelingt es mir trotzdem, rechtzeitig zu meinem Termin im Hessischen Rundfunk aufzuschlagen: ein Gespräch mit Thomas Koschwitz über "NSA". Danach geht es auf die Messe, zu weiteren Interviews, Fototerminen und Signierwünschen. Zwischendurch finde ich trotzdem Zeit, mal am Papyrus-Stand vorbeizuschauen, um mit den Machern die eine oder andere neue Idee zu diskutieren.

Buchmesse, Tag 1

Heute geht es nach Frankfurt auf die Messe. Kaum angekommen, stehen gleich wichtige Termine an – Gespräche mit Filmleuten, ein Interview auf der ARD-Bühne, und das alles, während ich mich noch an die hochsommerlichen Temperaturen in Frankfurt gewöhnen muss. Auch hier ist zu spüren, dass "NSA" bei vielen Menschen eingeschlagen hat wie eine Bombe. Inzwischen ist es, nachdem es letzte Woche auf Platz 17 in die Bestsellerliste eingestiegen ist, auf Platz 14 vorgerückt. Yeah!

Lesereise, Tag 4

Es ist kein großes Geheimnis, dass Erfurt eine meiner Lieblings-Lese-Locations ist: einerseits der angenehmen Umgebung wegen, andererseits, weil die Atmosphäre in der Buchhandlung Peterknecht immer eine ganz besondere ist. Auch heute war wieder mächtig Stimmung während der Lesung und erst recht während der Fragestunde danach.

Lesereise, Tag 3

Bin ich eigentlich wirklich auf Lesereise, oder mache ich eine Baustellenbesichtigung? Auch Ulm wird gerade komplett umgebaut. Immerhin, die Ulmer kennen sich aus und finden den Weg zum Hugendubel trotzdem; die Lesung ist voll und die Soundanlage erstklassig, was meine immer noch etwas verschnupfte Stimme fast ausgleicht. Noch nie habe man so viele Bücher bei einer Lesung verkauft, sagt man mir hocherfreut hinterher; das hört man natürlich auch als Autor gern. Allerdings sind die Bedingungen auch besondere; das Buch ist ja erst seit etwas über einer Woche auf dem Markt.

Lesereise, Tag 2

Auch in Hannover finden große Bauarbeiten rings um den Bahnhof statt, so tiefgreifend, dass man die Stadt von Hamburg aus gar nicht direkt erreichen kann, sondern in Celle in einemn Nahverkehrszug umsteigen muss. Die Zeit bis zum Abend ist fast komplett Interviews und anderen Gesprächen gewidmet. Dass meine Stimme am Abend in der Lesung im Hugendubel ziemlich kratzt, liegt aber daran, dass ich mich (natürlich!) in der Woche vor der Lesereise noch schnell erkältet habe. Heute kommen nach dem Leseteil viele Fragen: Das gefällt mir, zeigt es doch, dass das Buch niemanden kalt lässt.

Lesereise, Tag 1

Hamburg ist eine große Baustelle; kaum eine Straße in der Stadt, in der nicht irgendwas abgesperrt oder aufgerissen ist oder Baustellengerät herumsteht. Der Taxifahrer fährt Slalom zur St. Pauli-Kirche, wo im Rahmen des Harbour Front Festivals die (ausverkaufte) erste Veranstaltung meiner Reise steigt: Keine normale Lesung, sondern ein Bühnengespräch mit einem Moderator, Hans-Jürgen Fink, der spannende Fragen stellt und interessante Informationen zum Thema aufgetrieben hat, z.B., dass der SF-Autor Murray Leinster als Erster so etwas wie das Internet beschrieben hat – im Jahre 1946!

Ich hoffe trotzdem weiterhin, dass ich mit meinem Buch nicht etwas beschrieben habe, das einst wirklich kommen wird …

Lesereise, Tag 0

Ich bin in der Anfahrt auf Hamburg, sitze im letzten Zug meiner Reise. Um 4 Uhr ging der Wecker, kurz vor 21 Uhr werde ich voraussichtlich im Hotel ankommen – eine ziemlich anspruchsvolle Strecke. Bis jetzt hat alles geklappt, abgesehen von den üblichen kleinen Pannen: Verzögerung, weil ein Zug nicht angekoppelt werden konnte, ein fehlender Wagen (natürlich der, in dem mein reservierter Platz gewesen wäre), Verspätungen. Doch ich habe eine Route mit ausreichend Pufferzeiten, das entspannt. Ach ja, und natürlich sind wieder jede Menge Toiletten kaputt. Es scheint ein schier unlösbares Problem zu sein, Toiletten zu bauen, die verlässlich funktionieren. Ist das vielleicht der Grund, warum niemand zum Mars fliegt?

Rückblick auf die Lesereise

Die schlimmsten Sorgen macht man sich ja in der Regel um Dinge, die dann gar nicht eintreten: So war es jedenfalls diesmal. In der Woche, bevor es losgehen sollte, überstürzten sich die Meldungen über bevorstehende Bahnstreiks, die so ausgedehnt und gravierend sein würden wie schon lange nicht mehr – nicht unbedingt das, was man hören will, wenn man im Begriff steht, eine Woche lang per Bahn quer durch Deutschland zu tingeln. Aber als es dann losging … war es auf wundersame Weise ganz anders. Tatsächlich bin ich selten so angenehm gereist wie diesmal. Vor allem die Anfahrt nach Berlin, mitten im tobenden Streik, mit einem der wenigen Züge, die dennoch fuhren … Die Stimmung an Bord war seltsam gelöst, geradezu heiter. Vermutlich, weil die Reisenden froh waren, in einem Zug zu sitzen, der sich tatsächlich bewegte, und die Zugbegleiter, dass jemand gekommen war, den sie begleiten konnten.

Das Wochenende vor der Lesereise war ich in Berlin – nicht wegen der Feiern zum Jahrestag des Mauerfalls (Unglaublich! Schon 25 Jahre ist das her! Ich erinnere mich an den Tag, als wäre es vorgestern gewesen), sondern, um tagelang mit den Machern von Papyrus über Ideen zur Weiterentwicklung des Textverarbeitungsprogramms für Schriftsteller zu diskutieren. Das war interessant, lustig und, so denke ich, auch ziemlich ergiebig. Ich bin jedenfalls schon heftig gespannt auf die nächste Version. Und auf die übernächste, denn so viele Ideen, wie wir ausgebrütet haben, lassen sich in einem Rutsch gar nicht verwirklichen.

Dann ging es los, in Neuruppin, mit einer Lesung in einem Schloss. In dem nun u.a. die Stadtbücherei untergebracht ist, aber ein Schloss ist es nichtsdestotrotz. Und irgendwann fiel mir auf, dass ich auf dieser Reise überhaupt nur entweder in Schlössern oder in Domstädten las! Nicht, dass das für Lesungen sonderlich wichtig wäre, aber ein merkwürdiger Zufall war es doch.

Das liegt nun auch schon wieder eine Weile zurück. Inzwischen hat mich der Alltag wieder, und das heißt: Die Arbeit am nächsten Roman hat begonnen.

Erholungspause

Es wird den wenigsten Lesungsbesuchern verborgen geblieben sein: Ich war gesundheitlich nicht sonderlich auf der Höhe während dieser zweiten Lesereise. Am deutlichsten wurde es auf der Lesung in Gelsenkirchen, wo mich diejenigen, die für eine Signatur anstanden, hinterher reichlich mit Hustenbonbons beschenkten – vielen Dank an dieser Stelle noch einmal! Tatsächlich war es ein ständiges Schwanken zwischen "ach, geht schon" und "nee, geht nicht mehr"; am Mittwochmorgen war ich eine Zeitlang überzeugt, ich müsste die Reise abbrechen und nach Hause fahren … aber nach all den Vorbereitungen trifft man so einen Entschluss nicht leichten Herzens. So habe ich mich irgendwie über die Tage gerettet, nur den Auftritt auf der Wiener Buchmesse, den wollte ich mir zum Schluss dann nicht mehr antun.

Dafür ist jetzt erst mal große Pause und gesundheitliche Wiederaufforstung angesagt. Und dann will da ein Roman weitergeschrieben werden. Es wird also möglicherweise ein bisschen dauern bis zum nächsten Eintrag hier. Frohe Weihnachten vorsichtshalber schon mal.

Lesung an meiner alten Schule

Am kommenden Freitag, dem 15.11.2013, werde ich um 19 Uhr 30 in Ehingen in der Aula des Johann-Vanotti-Gymnasiums aus "Todesengel" lesen.

Das Besondere an diesem Termin: Es handelt sich um das Gymnasium, das ich einst selber besucht habe. Damals trug es seinen heutigen Namen noch nicht, sondern hieß einfach "Gymnasium Ehingen", aber hier war es jedenfalls, wo meine Lehrer mit Wohlgefallen sahen, dass ich in ihrem Unterricht eifrig schrieb, weil sie dachten, ich schriebe mit, was sie sagten – während ich in in Wirklichkeit meist die jeweils nächsten Szenen der Romane entwarf, die ich dann nachmittags daheim an der Schreibmaschine niederschrieb. Hier war es, wo ich z.B. Französisch zwar büffelte, aber nie wirklich lernte (das musste ich vor unserem Umzug nach Frankreich auf eigene Faust nachholen). Das wird zweifellos ein Termin, der zahlreiche Erinnerungen wachruft …

Zustandegekommen ist diese Veranstaltung übrigens auf Initiative des Schulleiters, Herrn Wolfgang Aleker, der vor einigen Jahren begonnen hat, "vorzeigbare" Ehemalige zu Vorträgen an die Schule einzuladen.

Erste Funde zur ersten Lesereise

Was war los? Auf der Frankfurter Buchmesse war ich zum Erstaunen einiger morgens um 10 Uhr schon wach, und wozu? Um ein Schwein zu ärgern. In Lauterbach ließ mich ein Vulkan lesen, mit einer Einlage, die sogar das Börsenblatt einer Erwähnung wert fand. Ich kam bis ins Erzgebirge, dort aber nicht in das Kino, wo alles stattfinden sollte – jede Tür, die ich fand, war verschlossen. Zum Glück lief ich zwei Lesungsbesuchern über den Weg, die den richtigen Eingang kannten, sodass folgendes Video entstehen konnte:


(Quelle: KabelJournal GmbH, 08344 Grünhain-Beierfeld)

Und in Berlin fand schließlich das RTL-Event statt, von dem es hier exquisite 5 Minuten und 24 Sekunden zu sehen gibt:


(Quelle: Bastei-Lübbe/RTL)

"Author Talk": die ganze Geschichte

kinokarten
Nachdem ich heute mittag meine Homepage aktualisiert hatte, schrieb mir jemand, Apple München habe in der Tat zu dem ausgefallenen "Author Talk" Event erklärt, der Autor sei kurzfristig erkrankt. Wie diese Mitteilung zustande kam, weiß ich nicht, aber Tatsache ist jedenfalls, dass ich keineswegs erkrankt war, im Gegenteil, es ist mir gesundheitlich selten so gut gegangen wie auf dieser Lesereise. Ich war sogar in München. An dem Abend, an dem der "Author Talk" hätte stattfinden sollen, haben meine Frau und ich mit einem guten Bekannten im (sehr empfehlenswerten) "Wirtshaus in der Au" gegessen, am Abend davor waren wir im Kino am Sendlinger Tor in dem (leider sehr enttäuschenden und keinesfalls zu empfehlenden) Film "Wall Street II".

Wie kam das? Let the author talk ...

Es begann Ende August mit einem Email aus dem Hause Apple, man wolle eine Veranstaltungsreihe "Meet the Author" realisieren, und da mein Roman "Eine Billion Dollar" gerade die Top Ten des iBookstores bevölkerte, fragte man an, ob ich nicht Lust hätte, diese Sache zu eröffnen. Lust hatte ich, aber keine Zeit, da ich mit der Rohfassung meines nächsten Romans noch vor der Lesereise fertig sein wollte. Da ich aber im Anschluss an besagte Lesereise aus privaten Gründen ohnehin noch ein paar Tage nach München wollte, fragte ich zurück, wie es denn damit wäre? Wunderbar, hieß es, würde gut passen. Ein Telefonat später ging es nur noch um die Frage, ob 11. oder 12.11., was bekanntlich erst mal zu einem Termin um 12 Uhr am 12.11. führte. Der Verlag schickte Autorenfotos und dergleichen auf die Reise, für die Werbung, die Apple im Vorfeld machen wollte. So weit, so gut.

Ein paar Tage, ehe mein Zug nach Deutschland ging, kam die Anfrage: Man befürchte zu viele Besucher am Mittag, ob man nicht auf den 11. und auf den Abend ausweichen könne? Ich wunderte mich kurz, weil ich eigentlich davon ausgegangen war, dass diese Veranstaltung zu diesem Zeitpunkt längst in allen möglichen Magazinen, auf Plakaten usw. angekündigt sein würde, und zumindest teilweise auch in gedruckter Form, was sich bekanntlich nicht ganz so einfach ändern lässt wie eine Website. Aber gut, war ja kein Problem, also sagte ich zu, strich den einen Termin in meinem Kalender, schrieb den anderen hinein und schrieb noch rasch eine entsprechende Meldung auf meine Homepage.

Zwei Wochen später, am Freitag, dem 5.11., rief ich nachmittags im Ehinger Buchladen an, um Bescheid zu sagen, dass ich einsatzbereit war - es erleichtert Buchhändler immer, das zu erfahren, deswegen gehört dieser Anruf zu meinen Gewohnheiten, sobald ich das jeweilige Quartier erreicht habe. Bei dieser Gelegenheit erfuhr ich (mobil nicht erreichbar, wie ich zu reisen pflege), dass der Verlag eine Nachricht für mich hinterlegt habe, wonach die Veranstaltung bei Apple in München ausfalle. Hmm. Ich rief sicherheitshalber noch meine Agentur an, um das zu verifizieren, und die sagten dasselbe. Also strich ich den Termin in meinem Kalender, dachte mit Unbehagen daran, dass er auf meiner Website bis zu meiner Rückkehr stehen bleiben würde, und konzentrierte mich dann auf die bevorstehende letzte Lesung. Nach München fahren würde ich natürlich trotzdem, und es ist ja nicht so, dass man sich dort langweilen müsste, wenn ein Termin ausfällt. Und, ja, ich war nicht unfroh darüber, mit der letzten Lesung sozusagen "Feierabend" und damit eine Woche Freizeit vor mir zu haben.

So kam es, dass wir an besagtem Abend im Kino saßen. Wobei – die Firma Apple verfolgte uns auch dort: Neben uns saßen zwei junge Münchnerinnen, die sich, während alles darauf wartete, dass es dunkel würde und der Film losginge, emsig miteinander unterhielten und nebenher immer wieder ihre SMS checkten. Bei der Gelegenheit kam ich nicht umhin zu bemerken, dass die eine der beiden zwei iPhones in der Handtasche hatte, die sie immer beide einschalten musste, um sie voneinander unterscheiden zu können.

Und ich rätsele bis auf den heutigen Tag, wozu um alles in der Welt jemand zwei iPhones brauchen könnte …

Dunkle Wolken am Reisehimmel

In Frankreich wird gerade protestiert. Worum es geht, habe ich immer noch nicht wirklich verstanden, nur, dass es mit einer bevorstehenden Rentenreform zu tun hat. (Es ist eine der Merkwürdigkeiten französischer Streiks, dass denjenigen, die davon betroffen sind, nie erklärt wird, worum es eigentlich geht: Man steht nur vor einem Schild, dass dieses Geschäft geschlossen ist, jener Zug nicht fährt "wegen Streik". Was mit dem Streik erreicht werden soll, wird nie gesagt. Das weiß "man" offenbar – nur ich halt nicht.)

Die Auswirkungen haben etwas von Szenen aus "Ausgebrannt": Da Demonstranten Ölhäfen und Tanklager blockieren, kriegt man an Tankstellen kein Benzin mehr oder nur eingeschränkt – unsere Nachbarin kam gestern mit einem Tipp, wo man noch für bis zu 15 Euro tanken könne. Taxen fahren kaum noch. In den Supermärkten tun sich erste Lücken in den Regalen auf. Und eben das: Züge (und Flüge erst recht) fallen aus. Massenhaft.

Gut, das mag sich bis zum Wochenende alles wieder beruhigt und eingespielt haben. Aber vielleicht eben auch nicht. Es bleibt spannend. Alle paar Stunden checke ich die Webseite der SNCF, um mich auf den laufenden Stand zu bringen. Gestern hieß es, die Streiks gingen bis heute früh, nun gehen sie bis morgen früh. Gestern fuhren nur zwei Züge bis Paris, alle anderen sind ausgefallen. Es könnte ein Abenteuer werden, sich bis nach Deutschland durchzuschlagen.

Besoffen auf Bahngleisen

Man stellt an die Bahn höhere Ansprüche hinsichtlich Pünktlichkeit als an jedes andere Verkehrsmittel. Zwanzig Minuten zu spät mit dem Auto? Na ja, da war eben ein Stau auf der Autobahn, da kann man nichts machen. Zwanzig Minuten zu spät mit der Bahn? Katastrophe, unerträglich, da sieht man mal wieder. Zwanzig Minuten zu spät mit dem Flugzeug? Das kommt gar nicht vor. Wenn ein Flugzeug zu spät kommt, dann gleich um zwei Stunden. Oder sechs. Oder acht. Und das Gepäck ist dann auch gleich noch verschwunden und taucht erst zwei Tage später wieder auf. Aber da sagt trotzdem keiner was. (Wahrscheinlich, weil man beim Fliegen immer froh ist, überhaupt heil wieder runtergekommen zu sein.)

Jedenfalls: Die Weiterfahrt des Zuges verzögere sich "wegen einer Schienenstörung", erfuhr man kurz vor Essen. Was denn eine Schienenstörung sei, fragte ich den Zugbegleiter, als der meine Fahrkarte knipste. Mein Bild war das sich in Metallkrämpfen windender Geleise, die jeden Zug kreischend abzuwerfen drohten. Tatsächlich handele es sich, erklärte er mir, um Betrunkene, die sich auf den Geleisen herumtrieben. "Ach so", sagte ich. "Na, das wäre doch interessant zu wissen."

Die nächste Durchsage lautete dann tatsächlich: "Wegen alkoholisierter Personen auf den Bahngleisen hat unser Zug derzeit eine Verspätung von zwanzig Minuten."

Bremen geht früh zu Bett

Ein Schriftsteller auf Reisen: Wieder mal Pech gehabt. Dabei hatte ich mich auf dem Weg in die Buchhandlung eigens nach einem Restaurant mit lesungskompatiblen Öffnungszeiten umgesehen und auch eines gefunden, das "bis 23:00" angab. Aber als die Lesung um 22:30 aus ist und ich dorthin komme - es sind nur ein paar Schritte - sagt mir die Kellnerin bedauernd: Die Küche hat schon Schluss gemacht; es war einfach zu wenig los.

So heißt es wieder mal, mit knurrendem Magen zurück ins Hotel, mit den Erdnüssen und dem Snickers aus der Minibar den schlimmsten Hunger dämpfen und aufs Frühstück hoffen. Und mich ärgern, dass ich nicht wenigstens davor ein Sandwich oder dergleichen gegessen habe. Aber vor einer Lesung habe ich eben oft überhaupt keinen Appetit - und während der Lesung merke ich dann, wie der Magen bei jedem Schluck Wasser revoltiert, als wolle er sagen: "Was soll ich damit? Ich will was Richtiges!"

Die Lesung selber war gut. Ein aufmerksames Publikum, ein angenehmes Ambiente - und die bisher beste Mikrofonanlage dieser Reise, die selbst ein Flüstern noch problemlos bis in die hinterste Reihe hörbar machte.

Schneeflocken gegen Lokomotiven - 1:0

Früher galt die Eisenbahn als das Verkehrsmittel, das noch fährt, wenn sonst nichts mehr geht. Die alten Dampfloks mit den Schneeräumern vorn fingen erst ab 120 cm Schneehöhe an, über Verspätungen nachzudenken - tja, das waren noch Zeiten.

Heute scheint die Bahn das Verkehrsmittel zu sein, das bei Schneefällen als erstes ins Trudeln kommt. Schon bei der Anreise nach Gütersloh - da wurde von dem bevorstehenden Schneefall nur geredet - kam es zu Verspätungen, und heute morgen, als alles weiß war, herrschte das totale Chaos. Im Bahnhof jedenfalls. Auf den Straßen davor fuhren die Autos, als wäre nichts. Und viel war auch nicht, ein leises Rieseln von Schnee, der nur hier und da überhaupt liegenblieb, auf Büschen und Dächern allenfalls. In Lettland würde man bei so einem Wetter noch kurzärmlig gehen, schätze ich. Die spannende Frage ist, was los wäre, wenn noch mal richtiger Winter käme.

Das Wort, das mir dazu einfällt, ist 'hochgezüchtet'. Das heißt: Höchst leistungsfähig, aber nur bei idealen Bedingungen - die kleinste Störung genügt, um alles zusammenbrechen zu lassen.
Ich fürchte, nicht nur die heutige Bahn ist so ein hochgezüchtetes System. In Anbetracht dessen, dass die Krisen (sogar die selbstgemachten) eher mehr werden und eher gravierender, keine gute Diagnose.