Der Sinn der Standard-Manuskript-Seite

Die häufigste Frage, die mir gestellt wird, ist erstaunlicherweise
nicht die, wie man einen Verlag findet. Das ist nur die zweithäufigste Frage, und ich werde in der kommenden Folge dieser Kolumne etwas dazu sagen. Nein, die häufigste Frage ist, wie man sein Manuskript richtig formatiert.

Verblüffend, denn die diesbezüglichen Empfehlungen kann man eigentlich praktisch überall nachlesen, und das in erschöpfender Ausführlichkeit. Mich jedenfalls erschöpft es, immer wieder dazu gefragt zu werden, deshalb möchte ich ein für alle Mal Klarheit zu schaffen darüber, wie ein ordentliches Manuskript aussehen soll und vor allem -
warum.

Ein Manuskript, das jeder Lektor ohne Stirnrunzeln zur Hand nimmt, sieht beispielsweise folgendermaßen aus:
  • Als Standardschrift ist der Font Courier New eingestellt, in 11 Punkt Größe.
  • Die Zeilen haben anderthalbfachen Abstand.
  • Die Seitenränder sind so eingestellt, daß sich auf jeder Seite 30 Zeilen befinden. Jede Zeile enthält im Schnitt 60 Zeichen, und ehe jemand fragt: Ja, das Leerzeichen ist, wie der Name schon sagt, auch ein Zeichen und zählt mit. Ich stelle dazu den rechten Rand so ein, daß maximal 65 Zeichen Platz haben.
  • Die erste Zeile eines Absatzes ist etwa 3 Zeichen breit eingerückt, und zwar mit Hilfe der Randeinstellungen - nicht mit Hilfe von Leerzeichen oder Tabulator!
  • Der Text ist linksbündig, mit Flatterrand rechts. Kein Blocksatz!
  • Keine Worttrennungen!
  • Jede Seite trägt in der Mitte des oberen Randes eine Seitenzahl, ferner steht am unteren Rand in kleinerer Schrifttype (8 Punkt z.B.) der Titel des Romans, der Name des Autors und eine Kontaktmöglichkeit, also Telefonnummer oder Emailadresse.
  • Jede Seite ist nur einseitig bedruckt.
  • Ein Manuskript besteht aus losen Seiten, die von zwei Gummibändern überkreuz zusammengehalten werden.

So weit, so gut. Nun scheinen manche diese Richtlinien aber als eine Art Aufnahmeprüfung der Verlage zu betrachten. Es kommen allen Ernstes Fragen wie: »Kann es sein, daß mein Manuskript abgelehnt wurde, weil ich französische statt deutsche Anführungszeichen verwendet habe?«

Die klare Antwort: Nein. Sowas ist piepegal. Es hat noch kein Verlag einen Roman abgelehnt, weil er »falsch« formatiert war. »Tut uns leid; Ihr Roman liest sich rasend spannend und würde wahrscheinlich ein Bestseller, ist aber leider in Arial gedruckt, weswegen wir ihn mit Bedauern ablehnen müssen« - so etwas hat noch kein Verlag einem Autor geschrieben.

Mein erstes Manuskript, mit dem ich einen Verlag gesucht habe, wies nur 29 Zeilen pro Seite auf, war doppelseitig gedruckt und überdies für teures Geld klebegebunden, verstieß also gleich gegen mehrere der obengenannten Regeln. Trotzdem habe ich einen Verlag gefunden, und kein Mensch hat jemals die Manuskriptform bemängelt, jedenfalls nicht in meinem Beisein.

Ist es also egal, was man macht? Sind diese Richtlinien was für Spießer, und ist es womöglich ratsam, sich kreativ davon abzuheben? Giftgrünes Papier, quer bedruckt in 16 Punkt Honeymoon Fashion Script, gebunden mit ständig blinkenden Leuchtdioden im Rücken - das dürfte doch genügen, um im Stapel der unverlangt eingesandten Manuskripte aufzufallen, oder?

Vermutlich schon, aber dann ist immer noch die Frage,
wie man auffällt. Meiner Erfahrung nach ziehen Verlage es vor, es mit Autoren zu tun zu haben, die professionell auftreten. Und die Wirkung, die es hat, nach einer Reihe wild formatierter... Dinge ein Manuskript in die Hand zu nehmen, das die zurückhaltende Eleganz professioneller Gestaltung ausstrahlt, kann kaum überschätzt werden.

Wobei es berufsmäßige Autoren gibt, Bestsellerautoren gar, die ihre Texte in einer Form vorlegen, daß es der Sau graust. Ein Lektor drückte mir einmal einen achthundertseitigen Wälzer in die Hand und vertraute mir an: »Alle Anführungszeichen und alle Absätze darin sind von mir. Und von den Rechtschreibfehlern reden wir mal lieber nicht.« Doch die Bücher dieses Schriftstellers verkaufen sich wie geschnitten Brot: Nur aus diesem Grund plagt man sich damit ab. Diesen Bonus hat ein Newcomer natürlich nicht!

Hinzu kommt, daß die Gestalt eines Manuskripts keineswegs willkürlich festgelegt worden ist, sondern daß jedes Detail einen ganz praktischen Sinn hat.

Nehmen wir zum Beispiel die Schrifttype Courier. Das ist nicht die schönste, die es gibt. (Manche Autoren weigern sich auch, sie zu verwenden, nehmen stattdessen eine Times-Schrift - und kommen damit durch.) Der Vorteil der Courier ist aber, daß sie der alten Schreibmaschinenschrift nachempfunden ist und daß deshalb alle Buchstaben gleich breit sind. Mit anderen Worten, mit ihr läßt sich die Vorgabe einer bestimmten maximalen Anzahl von Zeichen pro Zeile am einfachsten einhalten.

Am meisten Probleme macht es übrigens, WORD dazu zu bewegen, dreißig und genau dreißig Zeilen pro Seite zuzulassen. Das Programm sträubt sich, macht mal 29, mal 31 Zeilen... Warum? Weil eine Funktion namens »Absatzkontrolle« standardmäßig aktiv ist, die verhindern soll, daß erste oder letzte Zeilen eines Absatzes einsam am unteren oder oberen Rand einer Seite auftauchen. (Setzer nennen solche Zeilen »Schusterjungen« und »Hurenkinder«. Im gedruckten Text sollen sie nicht vorkommen - im Manuskript dagegen stören sie niemanden.) Wenn man diese Funktion ausschaltet, funktioniert es. Meistens jedenfalls...

Warum überhaupt diese Regelungen mit Zeilen pro Seite und Zeichen pro Zeile? Der Sinn des Ganzen ist, daß eine Manuskriptseite einen Umfang von maximal 1.800 Anschlägen, sprich Zeichen, aufweisen soll.

Auch diese Zahl sorgt für Verwirrung: Was ist mit kurzen Absätzen? Wenn in einer Zeile nur »Er nickte.« steht - was dann? Viele Leute zerbrechen sich darüber den Kopf anstatt über den Fortgang der Geschichte, die sie erzählen wollen, deshalb hier zur endgültigen Klarstellung: Natürlich macht man Absätze, wie man sie von Büchern her kennt, und wenn eine Zeile zum größten Teil leer ist, dann ist sie eben so. Die 1.800 Anschläge sind nur eine Obergrenze.

Der Sinn der standardisierten Manuskriptseite ist, daß derjenige, der aus dem Manuskript ein Buch zu machen gedenkt, anhand der Anzahl der Seiten am besten abschätzen kann, wie dick es werden wird. Da fast hundert Jahre lang schreibmaschinengeschriebene Manuskripte gebräuchlich waren, haben sich für den Umgang damit erprobte Erfahrungswerte herausgebildet, die bessere Ergebnisse liefern als Umrechnungen von gezählten Zeichen, wie sie Textverarbeitungsprogramme liefern. Die reine Anzahl von Zeichen sagt nämlich nichts darüber aus, wie viele Absätze ein Text hat. Die Anzahl der Absätze ist aber wichtig für den endgültigen Umfang: Stakkatoartige Abfolgen kurzer und kürzester Absätze beispielsweise sind immer gleich lang, egal wie man die Seite formatiert, während ein einzelner langer Absatz (er mag genau aus der gleichen Zahl von Zeichen bestehen) äußerst variabel ist.

Warum keine Einrückungen mit Hilfe von Leerzeichen? Weil ein Autor damit zeigt, daß er sich nicht einmal die Mühe macht, die Grundfunktionen seines wichtigsten Handwerkszeugs kennenzulernen. Was den Verdacht erlaubt, daß er sich auch sonst nicht viel Mühe gibt.

Warum anderthalbfacher Zeilenabstand? Weil ja irgendwann ein Lektor handschriftliche Anmerkungen, Korrekturen und dergleichen eintragen soll. Und dafür braucht er Platz.

Warum keine Silbentrennungen? Weil der Setzer die erst alle mühsam und größtenteils von Hand wieder herausmachen muss, ehe er die Algorithmen seines Satzsystems, das weit mehr drauf hat als PC-Textprogramme, auf den Text loslassen kann. Ein Autor, der seinen Text mit Silbentrennungen abgibt, riskiert, daß sein Foto an die Wand gehängt und in der Pause mit Dart-Pfeilen beworfen wird.

Warum einseitig und lose? Weil Lektoren es so gewohnt sind. Weil ein Lektor sich einen kleinen Stapel davon für die Heimfahrt mit der Straßenbahn zum Lesen mitnehmen kann. Weil man auf einzelne Blätter besser schreiben kann, als wenn sie gebunden sind.

Und
warum eine Fußzeile mit Titel, Autor, Kontaktangabe? Seltsamerweise wird nichts so häufig vergessen wie das, selbst von hauptberuflichen Autoren. Aber es gibt Wind und offene Fenster und Zufälle. Man stelle sich vor, ein Windstoß wirble das eigene Manuskript durcheinander, wehe womöglich ein Blatt davon zum Fenster hinaus und einem einherspazierenden Literaturkritiker vor die Füße. Der es aufhebt, liest und - begeistert ist! Ein Meisterwerk! Eine Offenbarung!

Wäre doch zu dumm, wenn sich dann nicht ermitteln ließe, wer es geschrieben hat, oder?

© 2006 Andreas Eschbach

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